V.S. Ramanan
President, Board of Trustees
Sri Ramanasramam
Tiruvannamalai, S. India
Einführung
WER BIN
ICH? ist der Titel einer Sammlung von Fragen und Antworten, die sich
auf Selbst-Erforschung beziehen.
Die Fragen wurden
Bhagavan Sri Ramana Maharshi um das Jahr 1902 von Sri M. Sivaprakasam
Pillai gestellt.
Sri Pillai, von seiner
akademischen Ausbildung her Philosoph, arbeitete zu jener Zeit in der
Steuerbehörde des Distrikts South Arcot. Während einer Dienstreise nach
Tiruvannamalai besuchte er die Virupaksha-Höhle auf dem Berg Arunachala
und begegnete dort dem Maharshi.
Er erhoffte sich
spirituelle Unterweisung und bat den Maharshi eindringlich um Antwort
auf seine Fragen zur Selbst-Erforschung. Da Bhagavan zu jener Zeit
nicht sprach - nicht, weil er ein Gelübde abgelegt hätte, sondern weil
er keinerlei Neigung zu sprechen verspürte - beantwortete er die Fragen
schriftlich. Es waren dreizehn Fragen und Antworten, die Sri Pillai
später aus seiner Erinnerung aufzeichnete und erstmals 1923 (in
tamilischer Sprache) veröffentlichte, zusammen mit einigen eigenen
Gedichten über das gnadenvolle Wirken Bhagavans, der seine Zweifel
beseitigt und ihn aus einer Lebenskrise geführt hatte.
WER
BIN ICH? ist später viele Male veröffentlicht worden, in einigen
Ausgaben finden sich dreizehn Fragen und Antworten, in anderen
achtundzwanzig. Es gibt eine weitere Veröffentlichung in Form eines
Essay. Die zunächst überlieferte englische Fassung stammt von dem
Essay; die vorliegende Fassung ist eine Übersetzung des aus
achtundzwanzig Fragen und Antworten bestehenden Textes.
Zusammen
mit Vicharasangraham (Selbst-Erforschung) enthält
Nan Yar (Wer bin ich?) die erste Sammlung von
Unterweisungen in den eigenen Worten des Meisters; es sind zugleich die
einzigen Prosatexte unter den Werken Bhagavans. Beide Texte machen
deutlich, dass Selbst-Erforschung der unmittelbare Weg zur Befreiung
ist - der Kern der Lehre Bhagavans. Die Übungsmethode der
Selbst-Erforschung ist in Nan Yar klar erläutert.
Der Geist* besteht aus Gedanken. Der "Ich"-Gedanke ist der zuerst
entstehende Gedanke. Durch beharrliches Nachforschen "Wer bin ich?"
werden alle Gedanken aufgelöst, am Ende auch der "Ich"-Gedanke. Was
dann bleibt, ist das jenseits der Dualität liegende Selbst. Die
irreführende Identifikation des Selbst mit den Erscheinungsformen
Körper und Geist endet, sakshatkara tritt ein,
Erleuchtung. Die Übung der Selbst-Erforschung ist nicht ganz einfach.
Sobald man fragt: "Wer bin ich?", kommen andere Gedanken. Es wäre
falsch, diesen Gedanken Raum zu geben; stattdessen sollte die
Selbst-Erforschung umgehend mit der Frage: "Wem kommen diese Gedanken?"
fortgesetzt werden, was wache Aufmerksamkeit erfordert. Durch
unbeirrtes Nachforschen kann der Geist dazu gebracht werden, in seiner
Quelle zu bleiben, statt im selbst erschaffenen Labyrinth der Gedanken
umherzuschweifen.
Andere Methoden, wie
Atem-Kontrolle oder die Meditation über eine der Formen Gottes, sind
als Hilfs-Methoden geeignet. Sie können bewirken, dass der Geist ruhig
und konzentriert wird. Ist der Geist in der Lage, sich zu
konzentrieren, ist Selbst-Erforschung weniger schwierig.
Letztendlich
werden alle Gedanken aufgelöst, das Selbst wird erkannt - jene
vollkommene Wirklichkeit, in der es keinen "Ich"-Gedanken mehr gibt,
jene Erfahrung, die allein Stille genannt werden kann.
Dies
ist zusammengefasst die Lehre Bhagavan Sri Ramana Maharshis in Nan
Yar (Wer bin ich?).
T.M.P.Mahadevan
Universität Madras
30. Juni 1982
*Das
englische Wort "mind" (Sanskrit: manas) wird in
dem vorliegenden Text mit "Geist" übersetzt. Gemeint ist der aus
Gedanken bestehende menschliche Geist, nicht der Heilige Geist Gottes.
In anderen Übersetzungen spiritueller Texte wird "mind" (manas)
bisweilen auch mit "Gemüt" übersetzt.
OM NAMO BHAGAVATHE SRI RAMANAYA
Jedes
lebende Wesen wünscht sich dauerhaftes und ungetrübtes Glück, jeder
liebt vor allem sich selbst, und Liebe strebt allein nach Glück. Um
jenes Glück erfahren zu können, das unsere wahre Natur ist, und das wir
- jenseits des Denkens - in tiefem Schlaf erleben, sollten wir uns
selbst erkennen. Der beste Weg zu dieser Erkenntnis ist der des
Erforschens "Wer bin ich?".
1. Wer bin ich?
Der aus den sieben Elementen (dhatus)
bestehende physische Körper bin ich nicht; ich bin auch nicht die fünf
Organe der Wahrnehmung, mit denen ich höre, fühle, sehe, schmecke,
rieche und Klang, Berührung, Farbe, Geschmack und Geruch wahrnehme;
auch bin ich nicht die fünf Organe der Tätigkeiten des Sprechens, der
Bewegung, des Greifens, der Ausscheidung und der Zeugung mit ihrer
jeweiligen Aktion; ebenso bin ich nicht eine der fünf Formen der
Lebensenergie (prana, usw.), die Atmung und
Stoffwechsel bewirken. Mein denkender Geist bin ich nicht und auch
nicht die meinem Geist unbewußt bleibenden Eindrücke.
2.
Wenn ich dies alles nicht bin, was bin ich dann?
Was bleibt, wenn alles eben Genannte als "dieses nicht"
ausscheidet, ist allein das Gewahrsein - und das bin ich.
3.
Was ist Gewahrsein seinem Wesen nach?
Gewahrsein
ist seinem Wesen nach Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit (Sat-Chit-Ananda).
4. Wann ist die Erkenntnis des Selbst erreicht?
Wenn die Welt, also das Sichtbare, verschwunden ist, ergibt
sich die Erkenntnis des Selbst, welches der Sehende ist.
5.
Kann es nicht sein, dass das Selbst erkannt wird, auch wenn
man die Welt als real betrachtet?
Nein,
das ist nicht möglich.
6. Warum nicht?
Mit dem Sehenden und dem betrachteten Objekt verhält es sich
wie mit dem Seil und der Schlange. Das Seil wird solange nicht als Seil
erkannt, wie die falsche Vorstellung, es handele sich um eine Schlange,
nicht verschwunden ist. Ebenso ist das Erkennen des Selbst solange
nicht möglich, wie die falsche Vorstellung, die Welt sei real, nicht
beendet ist.
7. Wann wird die Welt als
sichtbares Objekt verschwinden?
Wenn der
Geist, der alle Wahrnehmung und Tätigkeit verursacht, still und
bewegungslos geworden ist, verschwindet die Welt.
8.
Was ist der Geist seinem Wesen nach?
Was
wir "Geist" nennen, ist eine wundersame Kraft, die dem Selbst
entspringt und Gedanken entstehen lässt. Ohne Gedanken gibt es keinen
Geist. Der Geist ist also seinem Wesen nach Denken. Ohne Denken gibt es
nichts, was Welt genannt werden könnte. Im Tiefschlaf existieren weder
Denken noch Welt; während des Wachzustands und während des Traums
erfahren wir sowohl Denken als auch Welt. Wie eine Spinne ihr Netz aus
sich heraus spinnt und es dann wieder verschlingt, so entwirft der
Geist die Welt aus sich heraus und löst sie wieder in sich auf. Sobald
der Geist aus dem Selbst heraus in Erscheinung tritt, tritt auch die
Welt als real in Erscheinung, und das Selbst ist nicht mehr erkennbar;
wenn aber das Selbst aufleuchtet und in Erscheinung tritt, verschwindet
die Welt. Sucht man beharrlich nach dem Wesen des Geistes, wird der
Geist aufhören zu existieren - was bleibt, ist das Selbst. Selbst und Atman
sind dasselbe, Geist und jiva sind dasselbe; das
Selbst (Atman) existiert für sich; der Geist, die
feinstoffliche, individuelle Seele (jiva) kann
nicht allein, sondern nur in Verbindung mit etwas Grobstofflichem
existieren.
9. Wie kann das Wesen des
Geistes verstanden werden?
Was im Körper
als "Ich" in Erscheinung tritt, ist der Geist. Erforscht man, woher der
"Ich"-Gedanke kommt, stellt man fest, dass er aus dem Herzen aufsteigt.
Dort also hat der Geist seinen Ursprung, dorthin wird man auch geführt,
wenn man beständig "Ich-Ich" denkt. Von allen Gedanken ist der
"Ich"-Gedanke der erste, andere Gedanken können vor ihm nicht
entstehen. Erst nachdem die erste Person in Erscheinung getreten ist,
erscheinen auch die zweite und die dritte Person; ohne "Ich" kann es
"Du" und "Er, Sie, Es" nicht geben.
10.
Wie kann der Geist zur Ruhe gebracht werden?
Durch
das Nachfragen "Wer bin ich?". Der Gedanke "Wer
bin ich?" löst alle anderen Gedanken auf; so wie das Holzstück, mit dem
das Feuer entfacht wird, am Ende selbst verbrennt, wird sich auch der
"Ich"-Gedanke am Ende auflösen. Was sich dann ergibt, ist
Selbst-Erkenntnis.
11. Wie kann man
ständig an dem Gedanken "Wer bin ich?" festhalten?
Wenn andere Gedanken auftauchen, sollte man ihnen nicht
nachgehen, sondern fragen: "Wem kommen diese Gedanken?". Wie viele
Gedanken auch auftauchen mögen, man sollte unbeirrt fragen: "Wem ist
dieser Gedanke gekommen?". Die Antwort wird sein: "Mir". Wenn sich dann
die Frage anschließt: "Wer bin ich?", wird der Geist zurück zu seiner
Quelle gelenkt, und die Gedanken versiegen. Mit zunehmender Übung
entwickelt der Geist die Fähigkeit, in seiner Quelle zu verharren.
Der Geist ist feinstofflich. Wenn er Gehirn und Sinnesorgane
durchdringt, die grobstofflich sind, entstehen Namen und Formen; wenn
der Geist im Herzen ruht, verschwinden Namen und Formen. Den Geist
nicht nach außen schweifen zu lassen, sondern im Herzen zurückzuhalten,
wird antarmukha, Introversion,
Nach-Innen-Gekehrtsein, genannt. Den Geist aus dem Herzen heraustreten
zu lassen, wird bahirmukha, Extraversion,
Nach-Außen-Gekehrtsein, genannt. Wenn der Geist im Herzen ruht, gibt es
kein "Ich", keine Gedanken, nur das ewige strahlende Selbst.
Gleich, welche Tätigkeit man verrichtet, der Gedanke "Ich
handele" sollte vermieden werden, dann kann alles als Siva
(Gott) erkannt werden.
12. Kann der
Geist nicht auch anders zum Schweigen gebracht werden?
Es gibt kein anderes Mittel als das nachforschende Fragen.
Jeder Versuch, den Geist auf andere Weise zu beherrschen, wird ihn nur
vorübergehend ruhig stellen. Atemkontrolle bewirkt einen Zustand der
Ruhe, aber nur solange der Atem beherrscht ist; danach wird der Geist
aufgrund verbliebener Eindrücke wieder umherschweifen.
Geist
und Atem entspringen derselben Quelle. Denken ist das Wesen des
Geistes, der "Ich"-Gedanke, das Ego, ist der erste Gedanke. Ego und
Atem haben also denselben Ursprung. Daher ist der Atem still, sobald
der Geist bewegungslos wird, und umgekehrt wird der Geist still, sobald
der Atem beherrscht ist.
Allerdings steht während
des Tiefschlafs der Atem nicht still, obwohl der Geist bewegungslos
ist. Nach Gottes Willen soll zum Schutz des Körpers während des Schlafs
für andere nicht der Eindruck entstehen, der Körper sei tot.
Wenn aber im Zustand des Wachseins, auch im Zustand des
samadhi, der Geist still wird, ist auch der Atem still.
Der Atem ist grobstofflicher Geist und bleibt bis zum
Zeitpunkt des Todes im Körper; stirbt der Körper, nimmt der Geist den
Atem mit sich fort. Die Übung der Atemkontrolle kann also nur helfen,
den Geist zu beruhigen (manonigraha), aufgelöst (manonasa)
wird der Geist keineswegs.
Wie Atemübungen sind
auch Meditationen über die Formen Gottes, das Wiederholen von mantras,
Nahrungsbeschränkungen, usw. nur Hilfen, den Geist zu beruhigen.
Durch Meditation über eine der Formen Gottes oder das
Wiederholen von mantras wird der Geist auf ein
Ziel gerichtet. Der Geist ist immer bestrebt umherzuschweifen. Wie der
Rüssel eines Elefanten nach nichts anderem greift, wenn er eine Kette
festhält, so greift auch der Geist, der auf etwas konzentriert ist,
nach nichts anderem. Zerstreut sich der Geist in unzähligen Gedanken,
ist jeder einzelne Gedanke schwach; wenn aber die Gedanken sich nach
und nach auflösen, wird der Geist konzentriert und stark. Für einen
derart gestärkten Geist ist Selbst-Erforschung nicht schwierig.
Von allen Verhaltensregeln ist die, nur reine (sattvic)
Nahrung in begrenzter Menge zu sich zu nehmen, die beste. Die
Einhaltung dieser Regel bewirkt, dass die Sattva-Eigenschaft
des Geistes gestärkt wird, was für die Selbst-Erforschung hilfreich
ist.
13. Die von Objekten herrührenden
Sinneseindrücke scheinen endlos wie die Wellen des Ozeans zu sein. Wann
sind sie insgesamt ausgelöscht?
Je
intensiver die Meditation über das Selbst wird, desto mehr Gedanken
verlöschen.
14. Können auch Eindrücke
gelöscht werden, die seit uralten Zeiten bestehen, kann man gleichwohl
die Erfahrung des reinen Selbst erlangen?
Man
sollte beharrlich an der Meditation über das Selbst festhalten, ohne
dem Zweifel, ob es möglich sei oder nicht, im geringsten nachzugeben.
Auch wer viele Sünden begangen hat, sollte nicht klagen: "Ich bin ein
Sünder, wie kann ich gerettet werden?". Schon den Gedanken "Ich bin ein
Sünder" sollte man vollständig verbannen und die Meditation auf das
Selbst konzentrieren, dann wird man sicher das Ziel erreichen. Der
Mensch hat nur einen Geist, nicht zwei - einen guten und einen bösen.
Die bestehenden Eindrücke sind es, die günstig oder ungünstig sind.
Steht der Geist unter dem Einfluss günstiger Eindrücke, nennen wir ihn
gut, steht er unter dem Einfluss ungünstiger Eindrücke, böse.
Man sollte dem Geist nicht gestatten, sich weltlichen Dingen
zuzuwenden und mit Angelegenheiten anderer Menschen zu befassen. Wie
schlecht andere Menschen sich auch verhalten mögen, man sollte sie
niemals hassen. Sowohl Begehren als auch Hass sind zu vermeiden. Was
man einem anderen gibt, erhält man in Wahrheit selbst. Wer diese
Wahrheit verstanden hat, kann sicher nicht anders als freigebig sein.
Wenn man als Person in Erscheinung tritt, tritt alles in Erscheinung;
wenn man selbst zur Ruhe kommt, wird alles still. In dem Maße, in dem
man sich demütig verhält, wird Gutes bewirkt. Ist der Geist zum
Schweigen gebracht, kann man überall leben.
15. Wie
lange soll die Übung des Erforschens praktiziert werden?
Solange sich im Geist überhaupt noch Eindrücke finden, ist das
Nachforschen "Wer bin ich?" notwendig. Wenn ein Gedanke sich erhebt,
sollte er sogleich am Ort seines Entstehens mit Hilfe dieser Frage
zerstört werden. Sich der Meditation über das Selbst ohne Unterbrechung
zu widmen, führt zur Erkenntnis des Selbst, nichts anderes ist
erforderlich. Solange es Feinde in der Festung gibt, werden sie sich
regen; wenn sie vernichtet werden, sobald sie sich zeigen, wird die
Festung uns in die Hand fallen.
16. Was
ist das Wesen des Selbst?
In Wahrheit
existiert nichts als das Selbst. Wie Perlmutt als Silber erscheint,
erscheint das Selbst als Welt, individuelle Seele und Gott; diese drei
treten zugleich in Erscheinung und versinken zugleich. Das Selbst ist
dort, wo keinerlei "Ich"-Gedanke ist. Das nennt man Stille. Das Selbst
selbst ist Welt, "Ich" und Gott in einem. Alles ist Siva,
das Selbst.
17. Ist nicht alles das Werk
Gottes?
Ohne Wunsch, ohne Plan und ohne
Absicht geht die Sonne auf; ihre bloße Gegenwart lässt Feuer im
Brennglas entstehen, den Lotus blühen, Wasser verdampfen und Menschen
ihr Tagewerk verrichten. Die bloße Gegenwart des Magneten genügt, um
die Nadel in Bewegung zu bringen, und die bloße Gegenwart der Kraft
Gottes bewirkt, dass die Seelen entsprechend ihrem jeweiligen karma
tätig sind oder ruhen, gelenkt durch die drei kosmischen
Prinzipien oder die fünf Formen göttlichen Wirkens. Gott verfolgt
keinerlei Absicht, kein karma bindet ihn, ebenso
wenig wie die Aktivitäten der Welt die Sonne tangieren und das Spiel
der vier anderen Elemente den sie umfassenden Raum - das fünfte Element
- berührt.
18. Welcher Devotee ist der
beste?
Wer sich dem Selbst, das mit Gott
identisch ist, überantwortet, ist der wahre Devotee. Sich Gott ergeben
heißt, fortwährend im Selbst zu sein und keinem anderen Gedanken Raum
zu lassen.
Welche Last auch immer Gott aufgebürdet
wird, er trägt sie. Da es Gott selbst ist, dessen Kraft jedes Geschehen
ermöglicht - welchen Sinn hat es, sich ihm nicht zu überantworten und
sich stattdessen fortwährend um das eigene Tun und Lassen zu sorgen? Es
ist der Zug, der die Ladung trägt; welchen Sinn sollte es haben,
während der Fahrt das Gepäck auf dem Kopf zu behalten, anstatt es
abzulegen und bequem zu reisen?
19. Was
ist Nicht-Anhaftung?
Gedanken noch am
Ort ihres Entstehens restlos auszulöschen, ist Nicht-Anhaftung. Wie der
Perlentaucher einen Stein an seinen Körper bindet, um auf den Grund des
Meeres zu sinken und die Perlen zu ernten, so sollten wir uns mit
Nicht-Anhaftung ausstatten, nach innen tauchen und die Perle des Selbst
ernten.
20. Ist es nicht möglich, dass
Gott oder der Guru die Befreiung der Seele bewirken?
Gott und Guru weisen nur den Weg, sie heben die Seele nicht in
den Zustand der Befreiung.
Tatsächlich sind Gott
und Guru aber nicht voneinander verschieden. Wie das Opfer aus den
Zähnen des Tigers nicht mehr entkommen kann, so werden diejenigen, die
in den gnadenvollen Blick des Guru gelangt sind, nicht verloren gehen,
sondern sicher errettet werden. Und doch sollte jeder mit eigener
Anstrengung dem von Gott oder Guru gewiesenen Weg der Befreiung folgen.
Nur mit dem eigenen Auge der Weisheit kann man sich selbst erkennen,
nicht mit dem eines anderen. Ist die Hilfe eines Spiegels notwendig,
damit Rama weiß, dass er Rama ist?
21. Ist
es erforderlich, das Wesen der Elemente und Prinzipien (tattvas) zu
erforschen, wenn man Befreiung erlangen will?
Es
ist nutzlos, etwas zu analysieren, von dem man weiß, dass man es
wegwirft; ebenso nutzlos ist es, die Zahl und Eigenschaften der tattvas
zu untersuchen, wenn man das Selbst erkennen will. Im Gegenteil: man
muss alle Kategorien, die das Selbst verschleiern, verwerfen. Die Welt
sollte als Traum betrachtet werden.
22. Ist
zwischen Wachen und Traum kein Unterschied?
Der
Wachzustand ist lang, der Traumzustand kurz, einen anderen Unterschied
gibt es nicht. Wie Ereignisse des Wachzustands nur im Wachzustand real
erscheinen, erscheinen die des Traums nur dort als wirklich. Während
des Traums befindet sich der Geist in einem anderen Körper als im
Wachzustand. In beiden Zuständen gibt es gleichermaßen Gedanken, Namen
und Formen.
23. Ist es sinnvoll Bücher
zu lesen, wenn man nach Befreiung strebt?
Alle
Texte sagen dasselbe: um Befreiung zu erlangen, muss der Geist still
werden, entscheidend ist also, dass der Geist zum Schweigen gebracht
wird. Wenn dies verstanden worden ist, ist es unsinnig, endlos Bücher
zu lesen. Um den Geist still werden zu lassen, braucht man nur das
eigene Selbst zu ergründen, wie könnte dies mit Hilfe von Büchern
geschehen? Man erkennt das Selbst mit dem eigenen Auge der Weisheit.
Das Selbst befindet sich innnerhalb der fünf Körperhüllen, Bücher
befinden sich außerhalb. Da das Selbst nur erforscht und erkannt werden
kann, wenn die fünf Hüllen durchdrungen und zurückgelassen werden, ist
die Suche in Büchern nutzlos. Es kommt der Zeitpunkt, in dem man alles
Gelernte vergessen muss.
24. Was ist
Glück?
Glückselige Freude ist das Wesen
des Selbst; Glück und Selbst sind daher nicht voneinander verschieden.
Es gibt keinen Gegenstand auf der Welt, der Glück in sich birgt. Nur
aufgrund unserer Unwissenheit glauben wir, dass Glück weltlichen Dingen
entspringt. Wenn sich der Geist nach außen wendet, erfährt er Leid.
Geht sodann ein Wunsch in Erfüllung, kehrt der Geist zu seinem Ursprung
zurück und erlebt dort die Freude des Selbst, so verhält es sich in
Wahrheit. Wie im Tiefschlaf, im samadhi oder
während einer Ohnmacht wendet sich der Geist immer auch dann nach
innen, wenn entweder etwas Erwünschtes erlangt oder etwas Unerwünschtes
abgewendet worden ist, und erfährt hier das dem Selbst innewohnende
Glück. So wandert der Geist rastlos zwischen seiner Quelle und der
äußeren Welt hin und her. Bei glühender Hitze sucht man den
schattenspendenden Baum und genießt die Kühle. Wer den Baum immer
wieder verlässt und sich der Hitze aussetzt, nur um erneut in den
Schatten zu fliehen, ist ein Narr. Der Kluge bleibt im Schatten. Ebenso
wird der, der die Wahrheit erkannt hat, Brahman
niemals verlassen, im Gegensatz zu dem Unwissenenden, der sich der Welt
zuwendet, dort Leid erfährt, und jeweils für kurze Momente zu Brahman
zurückkehrt, um Glück zu erleben.
Tatsächlich ist
das, was die Welt genannt wird, nichts als ein Gedanke. Wenn die Welt
versinkt, also kein Gedanke vorhanden ist, erlebt der Geist Glück, wenn
aber die Welt in Erscheinung tritt, erlebt er Leid.
25.
Was ist Weisheitskenntnis?
Still
zu bleiben ist Kenntnis der Weisheit. Still zu bleiben heißt, den Geist
im Selbst aufzulösen. Gedankenlesen, Wahrsagen oder Hellsehen bewirken
keine Weisheitskenntnis.
26. Welche
Beziehung besteht zwischen Wunschlosigkeit und Weisheit?
Wunschlosigkeit ist Weisheit. Den Geist keinerlei Objekt
zuzuwenden, bedeutet Wunschlosigkeit. Weisheit ist, ein Objekt gar
nicht erst entstehen zu lassen. Mit anderen Worten: die Weigerung,
etwas anderes als das Selbst zu suchen, ist Nicht-Anhaftung oder
Wunschlosigkeit; das Selbst gar nicht erst zu verlassen, ist Weisheit.
27. Worin liegt der Unterschied zwischen
Erforschung und Meditation?
Erforschung
heißt, den Geist im Selbst zu halten. Meditation heißt zu denken, Brahman,
Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit, zu sein.
28. Was
ist Befreiung?
Das Ergründen des in
Fesseln liegenden eigenen Wesens und das Erkennen der wahren eigenen
Natur ist Befreiung.
SRI
RAMANARPANAM ASTU